Wann hast du zuletzt langzeitbelichtet?

Na, kannst du dich noch erinnern? Daran, wie und wo du zuletzt mal langzeitbelichtet hast? Oder hast du überhaupt noch gar keine Langzeitbelichtungen mit deiner Kamera aufgenommen? Dann wird es aber allerhöchste Eisenbahn! Ich will dir heute kurz zeigen, worum es dabei geht. Und wie du mit Langzeitbelichtungen ganz sicher bessere Fotos von deinen Reisen mitbringen kannst!

Was sich also hinter dem Wortpaar verbirgt und wofür du sie überhaupt auf Reisen einsetzen kannst, werde ich dir erklären. Aber natürlich auch, was du dafür brauchst und welches Equipment du einsetzen solltest. Eines ist sicher: der ND-Filter und du – ihr werdet ab sofort enge Reisegefährten sein!

 

Langzeitbelichtung – Was steckt überhaupt dahinter?

Naja, jetzt kann man sich erst einmal ganz einfach an das Thema heran wagen. Wir zerlegen das Wort einfach mal in seine zwei Bestandteile: lange Zeit und Belichtung bzw. Belichtungszeit. Und jetzt schauen wir noch mal genauer hin, was es damit auf sich hat!

 

Die Belichtungszeit

Vor einiger Zeit hatte ich dir in der vierteiligen Artikelserie ‘Das magische Dreieck der Fotografie’ ja mal erklärt, wie das mit der Belichtungszeit so funktioniert. Nämlich bestimmt die Belichtungszeit im Wesentlichen die Menge des Lichts, das auf den Sensor einfällt. Kurze Belichtungszeit bedeutet also, dass sich der Verschluss nur kurz öffnet und so wenig Licht auf den Sensor dringt. Ist die Belichtungszeit länger, fällt folglich mehr Licht auf den Sensor.

 

Weitere Bedeutungen der Belichtungszeit in der Fotografie

Zunächst einmal bestimmt die Belichtungszeit also die Dauer der Aufnahme und somit die Helligkeit des Bildes. Daneben gibt es aber auch weitere Effekte zu beachten! Kurze Belichtungen können das Motiv einfrieren und scharf darstellen. Während du mit längeren Belichtungszeiten gewiss Verwischungen erzielen wirst.

Wichtig: denk’ an die Faustformel! Für ein verwacklungsfreies Bild solltest du den Kehrwert aus Brennweite mal Crop-Faktor (bei APSC-Format Kameras) bilden!

Und, kannst du dir jetzt vorstellen, was uns die Langzeitbelichtung bedeuten will? Bestimmt! Nämlich konzentrieren wir uns bei dieser Disziplin ausschließlich auf – Tusch! – lange Belichtungszeiten. Und wieso tun wir das Ganze? Nur um möglichst viel Licht auf’s Bild und somit helle Fotos zu bekommen? Mitnichten!

 

Langzeitbelichtung in der Nachtfotografie

Nein, es muss einen gewichtigeren Grund geben. Aber schauen wir uns zuerst noch mal DAS Bild meiner Reisen an.

Nordlichter
Nordlichter im August 2014 in Offersøy, Vesterålen, Norwegen.

Für das Foto hatte ich eine Belichtungszeit von 20 Sekunden gewählt. Aber warum nun so lange? Naja, bei kurzen Belichtungszeit geht der Verschluss auf und direkt wieder zu. Die Folge: du siehst nur ein schwarzes Bild. Bei etwas längeren Belichtungszeiten erkennt man dann ganz langsam einen leichten Grünschimmer. Bis man dann irgendwann dort hin kommt, dass man auch die Inseln und Fjorde erkennt. Und das war eben erst bei 20 Sekunden der Fall!

In dem Fall, der Nachtfotografie, habe ich also die Langzeitbelichtung tatsächlich dafür genutzt, die Umgebung überhaupt erst sichtbar zu machen. Mit kurzen bzw. gewöhnlichen Belichtungszeiten wäre das Bild schlichtweg zu dunkel geworden. Man hätte nichts erkannt.

 

Langzeitbelichtung an hellen Reisetagen

Anders sieht es da dann schon bei den Fotos von meiner Berlinreise vergangenes Wochenende aus. Denn da habe ich mir die lange Belichtung für etwas ganz anderes zunutze gemacht. Ich erwähnte vorhin, dass der Nachteil langer Belichtungszeiten sei, dass das Motiv dann verwischt, man es meistens nicht mehr erkennen kann.

Aber warum nicht einfach den Nachteil in einen Vorteil verwandeln? Schon mal drüber nachgedacht, wann ein verwischtes Motiv zum Vorteil werden könnte? Genau! Wenn wieder mal eine Millionen Touris im Bild rum stehen. Und dir so das Brandenburger Tor verdecken. Die umherwuselnden Leute würden bei gewöhnlichen (kurzen) Belichtungszeiten auf dem Foto einfrieren. Die Folge? Alle Personen wären scharf dargestellt. Das lenkt den Betrachter ungemein vom eigentlichen Motiv ab. Und in meinen Augen ist das der häufigste Grund, weshalb deine Fotos von Reisen zuhause ‘nicht wirken’. Weil sie überfrachtet sind mit Informationen.

Also, nutze die Langzeitbelichtung und mach’ es besser! Mach bessere Bilder! Hier mal zwei meiner Beispiele:

Brandenburger Tor in Berlin trennte einst West- und Ost-Deutschland
Brandenburger Tor in Berlin trennte einst West- und Ost-Deutschland

Natürlich wirst du meistens noch Personen haben, die es selbst in 5, 10 oder 20 Sekunden nicht schaffen, sich vom Fleck zu bewegen. Und somit relativ scharf dargestellt werden. Aber du blendest die große Masse aus! Und das lässt den Betrachter einerseits auf das eigentliche Motiv konzentrieren. Andererseits transportiert der Wischeffekt aber auch recht gut den Trubel und die Hektik an dem jeweiligen Ort! Na, noch ein Beweis gefällig? Dann aufgepasst!

 

Siegessäule in Berlin auf der Straße des 17. Juni
Siegessäule in Berlin auf der Straße des 17. Juni

 

Hier fuhr gerade ein Bus an der Siegessäule vorbei. Wie langweilig der scharfe Bus doch vor der Siegessäule gewirkt hätte! Aber so?! Zeigt er ganz gut, was hier tatsächlich doch für ein Leben herrscht! In Saus und Braus geht’s um die Goldelse.

 

Was du für die Langzeitbelichtung brauchst

Doch wie gelingen solche Langzeitbelichtungen?

Jetzt zur eigentlichen Aufnahmetechnik. Eigentlich braucht es nichts, was man auf einer Reise nicht auch mitnehmen könnte. Zunächst einmal musst du darauf achten, ein Stativ bei dir zu haben. Alternativ kannst du auch versuchen dich deiner Umwelt zu bedienen (Mauervorsprünge, Tasche/Rucksack usw.). Achte auf jeden Fall darauf, dass Bildstabilisatoren – egal im/am Objektiv oder per Software in der Kamera – ausgeschaltet sind. Andernfalls haben diese nämlich das Bestreben Erschütterungen herauszufiltern und – laienhaft ausgedrückt – eben gerade welche in das Bild hinein zu basteln, wenn deine Kamera felsenfest steht. Also, aus damit!

Wer einen Funkfernauslöser oder so hat kann diesen nutzen. Hast du den vielleicht gerade nicht zur Hand, dann stell doch den 2-Sekunden-Selbstauslöser ein. Oder 10 Sekunden, wenn du auf Nummer Ganzsicher gehen willst. Auf jeden Fall versuche dadurch zu verhindern, dass deine Kamera durch das Drücken des Auslösers zu Beginn der Belichtung wackelt. Die Wackler übernimmst du ansonsten mit auf das Foto! Sehr unschön!

Okay, und jetzt stell die Belichtungszeit ein. In Abhängigkeit von Umgebungshelligkeit, ISO-Wert und Blendenöffnung. Und eben abhängig davon, ob und wie viel Wischeffekt du später im Bild haben willst – oder vielleicht auch eben nicht. Denke zum Beispiel bei Nachtaufnahmen daran, dass sich die Erde weiter dreht, während du knipst. Kein Scherz! Bei langen Belichtungszeiten siehst du die Erddrehung in Form der sog. ‘Startrails’, also den Sternspuren.

 

Alles schön und gut, aber – wie mach’ ich das am Tag?!

Jetzt hast du bis hierhin meine Tipps befolgt. Das Set vorbereitet. Und du bist am Verzweifeln?! Du bekommst nur helle bis weiße Fotos? Es ist helllichter Tag und die Sonne scheint? Und du willst länger als 5 Sekunden belichten?

Glückwunsch. Dann hast du erst schon mal verdammt viel richtig gemacht. 😉 Aber es geht dir so wie mir zu Beginn! Ein Glück: ich kann dir sagen, was nun dein Problem ist! Die Langzeitbelichtung sorgt dafür, dass du jetzt zu viel Licht auf den Sensor bekommst. Das Bild wird dadurch deutlich überbelichtet. Du brauchst also etwas, was dafür sorgt, dass du weniger Licht auf den Sensor bekommst.

Tipp: so, denke zurück an das magische Dreieck! Versuche vielleicht zunächst die Blende etwas weiter zu schließen, also eine größere Blendenzahl zu wählen. Versuch’ mal zum Beispiel Blende 11 anstatt 8. Prüfe auch noch mal den ISO-Wert. Bist du wirklich auch am unteren Limit, also 100 oder gar 50? Wenn nein – korrigieren!

Wenn auch das alles nicht geholfen hat, dann bleibt nur noch eins: der ND-Filter. Der ‘neutral density filter’, wie er im Angelsachsischen so schön heißt. Oder Neutraldichtefilter zu deutsch. Oder ganz einfach: ND-Filter oder Graufilter. Ich beschreibe ihn in aller Kürze mal so: es ist ein Filter, der in einem gleichmäßigen Grau gehalten ist. Das bewirkt, dass das Bild gleichmäßig abgedunkelt wird – ohne dabei die Farbwiedergabe zu beeinflussen.

Und genau so ein Teil hilft dir jetzt in deiner Situation. Dieser Filter dunkelt das Bild ab. Bei gleicher Belichtungszeit und Blendenzahl kannst du nun also ein dunkleres Bild erzielen. In der Folge ermöglicht er dir also längere Belichtungszeiten bei gleichbleibender Helligkeit im Bild. Aber pass auf: es gibt diese Filter in verschiedenen Stärken. Also mal dunklen sie mehr, mal weniger ab.

Ich habe einen ND8-fach und einen ND1.000-fach Filter. Dieser ND-Faktor gibt den Faktor an, um welchen sich die Verschlusszeit verlängern lässt. Bei 1.000-fach heißt das also, dass du 1.000-fach länger belichten kannst – bei gleicher Blende versteht sich. Wenn du also vorher ein korrekt belichtetes Bild bei 1/100 Sekunde Belichtungszeit erhalten hättest, kannst du mit dem ND1.000-fach auf dann (1/100 * 1.000) 10 Sekunden Belichtungszeit hoch gehen. Und erhältst noch immer ein korrekt belichtetes Bild.

Mit dem ND1.000-fach bin ich meistens tagsüber in Städten oder so, bei sommerlicher Mittagssonne, so “nur” zu maximal etwa 5 Sekunden Belichtungszeit in der Lage. Bei Blende 11 und ISO 100. Vielmehr geht da oben raus nicht. In Wäldern oder an Bachläufen, wo man so zum Beispiel das Wasser spielerisch zum Seidenteppich werden lassen kann,  sieht es jedoch schon wieder besser aus. Weil es dort meist eher schattig ist.

Aber selbst 4 bis 5 Sekunden reichen in Städten schon meist für spannendere Ergebnisse, als ohne ND-Filter und Langzeitbelichtung! Übrigens: damit man den Bus vor der Siegessäule überhaupt noch wahrnehmen konnte, durfte ich gar nicht über 0,5 Sekunden Belichtungszeit hinaus gehen. Andernfalls war der Bus nämlich gar nicht mehr zu sehen!

 

Lessons learned – ND-Filter und Stativ haben auch auf Reisen ihre Berechtigung

Wie du nun also gesehen hast, ist es durchaus berechtigt, wieso der ein oder andere von uns auch auf Reisen sein Equipment mit sich herumschleppt. Dass da schon auch mal das Stativ gebuckelt wird, dafür erntet man häufig milde Lächler. Aber, wenn die wüssten!

Ich finde Langzeitbelichtungen machen gerade in der Reisefotografie einen wahnsinnigen Unterschied. Sie haben meine Fotografie auf jeden Fall einen deutlichen Schritt nach vorne gebracht. Wenn ich da zurück denke an das Bild vom ‘Slussen’ in Stockholm. Dort kamen schöne Lighttrails von der S-Bahn mit auf’s Bild. Oder die Nordlichter auf den Vesterålen. Die verschwindende Menschenmenge auf dem ‘Platz der Republik’ in Berlin. Ohne die Langzeitbelichtung nicht vorstellbar!

Wenn du es selbst nicht auch schon längst ausprobiert haben solltest, dann nimm’ das mal defintiv mit auf, auf deine Agenda! Geh’ raus und versuche dich an der Langzeitbelichtung. Empfehlen kann ich auch die Abendstunden im Städtchen. Suche spannende Straßenführungen und bereite dich vor. Dann warte auf vorbei fahrende Autos und male rote und weiße Streifen in deine Fotos. Ein Riesenspaß!

 

Ich hoffe du hast genauso ein Spaß beim Fotografieren und der Langzeitbelichtung. Wie sind denn deine Erfahrungen mit langen Belichtungszeiten? Setzt du sie gezielt ein? Vielleicht auch auf deinen Reisen? Oder was hält dich bislang davon ab es auszuprobieren? Schreib’ es doch einfach mal hier unten in die Kommentare. Ich würde mich freuen von deinen Erfahrungen zu lesen!

Mario

Mario lebt den klassischen und oft verachteten ‘9 to 5 job’. Davon überzeugt, dass das Leben aber viel mehr Freiräume bieten kann, als in der Kantine zwischen Gulasch und Rouladen zu wählen, hat er sich 2015 einen Camper zugelegt. Allzeit abfahrbereit wartet dieser nur darauf nach stressigen Wochen neue Abenteuer zu erleben.

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