Mehr Guck für deine Bilder – die Drittelregel

Willkommen zurück! Es ist Sonntag und heute wollen wir uns wieder etwas mehr mit der Fotografie beschäftigen. Nachdem ich dir ja schon so einiges technisches Verständnis für Blende, Belichtungszeit, ISO und das Zusammenspiel nähergebracht und dir gezeigt habe, wie du auf Reisen geschickt deine Fotospots finden kannst, soll es heute um einen anderen fotografischen Bereich gehen. Weniger um die Technik und auch nicht um die Vorbereitung, sondern vielmehr um die Bildgestaltung. Du bist nun also vor Ort angekommen, hast deinen Fotorucksack voll gepackt auf den Schultern und willst endlich loslegen. Du hast sogar meinen Tipp beherzigt im manuellen Modus deiner Spiegelreflex zu fotografieren. Entsetzt stellst du nun fest, dass die Kamera den Bildausschnitt ja gar nicht selbst wählt?! Vier, fünf Aufnahmen hast du jetzt gemacht – alle wirken flach und völlig langweilig. Und nun? Demotiviert aufgeben? Urlaub abbrechen? Kamera in den Sand werfen? Nix da! Das ist ganz normal, wenn man sich nie vorher Gedanken über den Bildaufbau gemacht hat! Wie du deine Bilder ansprechend und spannend gestalten kannst, das will ich dir hier und heute kurz zeigen.

 

Bildgestaltung – ein vielschichtiges Thema

Wenn du selbst bereits aktiv fotografierst, interessiert im Internet in Diskussionsforen mitliest oder auch schon mal das ein oder andere Buch in Händen gehalten hast, dann weißt du es bereits: die Fotografie insgesamt ist ein so schier unglaublich weites Feld, dass es eigentlich ein fünfjähriges Vollzeit-Studium bräuchte um die Grundlagen verstanden zu haben. Und im ‘besten’ Fall ist danach dein Wissen schon wieder veraltet – gerade die Technik. Kein Wunder also, dass es zum Themenbereich der Bildgestaltung alleine haufenweise Bücher gibt, die über nichts anderes unterrichten wollen. Doch blende das mal aus deinem Kopf aus. Wir haben ja gesagt wir möchten es möglichst einfach und bequem erlernen. Deswegen stelle ich dir hier zunächst mal ein wichtiges, wenn nicht sogar das zentrale Element des Bildaufbaus vor: die Drittelregel.

 

Doch wozu überhaupt Bildgestaltung?

Du hast es ja gerade am eigenen Leib erfahren: wenn du einfach auf den Auslöser drückst, ohne dir vorher Gedanken zum Bildaufbau gemacht zu haben, wirkt dein Bild sehr langweilig. Würdest du dieses Bild dann nach der Reise zu Hause im Bekanntenkreis rumreichen, würde es einfach ‘untergehen’. “Ah, ja, cool, so sieht das also aus in Stockholm”. So oder so ähnliches Feedback würdest du auf deine Bilder erhalten. Nach dem zweiten oder dritten Betrachter würdest du die Bilder wohl schon gar nicht mehr auspacken und zeigen, weil du selbst Interesse und Motivation verlörst.

Wir brauchen also etwas, dass dein Motiv gekonnt in Szene setzt und den Betrachter mitnimmt. Du möchtest die vor Ort erlebten Emotionen, Proportionen von Gegenständen und Bildstimmungen für den künftigen Betrachter erfahrbar machen. Als sei der Betrachter selbst auf der Reise dabei gewesen. Gerade in der Reisefotografie wäre es wohl wichtig, dass dein Betrachter noch während betrachten des Bildes Nummer 5 schon gespannt auf das Weiterblättern auf Bild Nummer 6 lauert. Und genau da kommt nun die Bildgestaltung ins Spiel!

Die Bildgestaltung fängt eigentlich schon vor der Aufnahme, noch während du überlegst, was alles auf das Bild drauf soll um es möglichst spannend und interessant zu machen, an. Sie geht über die richtige Belichtung, generell das Gestalten mit Licht, über das Bildformat und Farbe und deren Wirkungen bis hin zu Formelementen. Wir wollen es für den Anfang aber einfach halten und uns auf eine wichtige Regel der Bildkomposition beschränken: die sogenannte Drittelregel.

 

Die Drittelregel – was sich dahinter verbirgt

Zunächst einmal will ich versuchen dich vor Verwechslungen zu beschützen. Ich denke du kennst sicher noch aus der Schulzeit den Goldenen Schnitt. Bildende Kunst, siebte Klasse. Oder so. Die Römer gestalteten seinerzeit häufig in der ‘göttlichen Proportion’ oder auch besser bekannt als dem Goldenen Schnitt. Dabei wird ein Maß, sagen wir mal eine Bildbreite von einem Meter, in zwei Teile unterteilt: einen kleinen und einen großen. Das Verhältnis von kleinem Teil zum großen Teil muss dabei genau so gewählt sein, wie das Verhältnis zwischen dem großen Teil zum Gesamten. Oder für die Mathegeeks: es gibt einen großen Teil (A) und einen kleinen Teil (B). Zusammen ergeben sie C. Also A + B = C. Dabei muss das Verhältnis B : A genau so sein, wie das Verhältnis A : C. Die Zahl die dabei herauskommt (bei 1 bzw. einem Meter wäre das 0,618) entspricht dann dem ‘Schnittpunkt’ zwischen A und B. Und eigentlich besitzt diese Zahl unglaublich viele Nachkommastellen. Das wäre dann der Goldene Schnitt. In der antiken Kunst wurde er regelmäßig zur Erzeugung einer harmonischen Bildwirkung bzw. Wahrnehmung genutzt. Umgemünzt auf die Fotografie würde das folgendes bedeuten: du setzt dein (Haupt-)Motiv ‘in den goldenen Schnitt’. Dadurch erzielst du eine harmonische Bildwirkung. Zeige ich dir hier:

goldener_schnitt_gitter
Das Bildmotiv im goldenen Schnitt

 

 

Ich hatte eben gesagt, dass der Goldene Schnitt bereits in der Antike genutzt und von den Römern ‘göttliche Proportion’ genannt wurde. Und das aus gutem Grund, denn in der Natur ist dieses Verhältnis zweier Längenmaße zueinander sehr häufig zu beobachten! Doch kann dieses Verhältnis in der Fotografie häufig zu Problemen führen. Vor allem natürlich in der Umsetzung. Bei so vielen Nachkommastellen und einem recht komplizierten Verfahren zur Ermittlung der Streckenverhältnisse! Doch warum so kompliziert, wenn es auch einfacher geht? Jaja, du weißt es bereits: wir kommen nun zur Drittel-Regel!

Die Drittelregel ist eigentlich nichts anderes als eine simple Ableitung vom Goldenen Schnitt. Sie sorgt ebenfalls für ein harmonisches Bild, ist dabei allerdings definitiv weniger kompliziert als der große Bruder. Technisch gesprochen wird das Bildmaß sowohl horizontal als auch vertikal in je drei Abschnitte geteilt. Alle drei Abschnitte sind gleich groß – Drittel eben! Daher also auch der Name. Anhand der so ermittelten Punkte auf dem Bildmaß werden dann horizontal und vertikal jeweils 2 Linien eingezogen. Es entsteht ein Raster mit 9 Feldern, das sich über das Bild legt. Auch hier wird dann wieder das Bild an den Schnittpunkten dieser Linien / Rechtecke ausgerichtet, in dem das Motiv sich prinzipiell an solchen Punkten orientieren sollte. Also in etwa so:

drittel-regel-gitter
Die Drittel-Regel

 

Und hier jetzt mal der Vergleich. Zunächst das Bild, so wie du es jetzt auch gemacht hast, nämlich mit mittig platziertem Bild. Dann der etwas schwieriger umzusetzende Goldene Schnitt. Und zu guter letzt die kleine Schwester, die Drittelregel.

 

Besonderheit in der Landschafts- und Reisefotografie

Sehr häufig – wie auch in diesem Beispielbild – wirst du auf Reisen Motive fotografieren, bei denen der Horizont auf dem Foto zu sehen sein wird. Achte dabei darauf, dass in aller Regel der Horizont nicht mittig platziert ist! Man meint am Anfang immer man sei ein guter Fotograf, wenn man es schaffe den Horizont genau in die Bildmitte zu setzen. Doch du wirst schnell merken: es gibt keine langweiligeren Bilder, als diese bei denen Himmel und Erde mittig aufeinander treffen. Zum Gähnen! Du brauchst einen Beweis meiner These? Bitte! Hier wirkt sogar wegen des hohen Turms des Stadshuset das Bild sehr gedrückt. Aber ich wollte gerne bei gleichem Bildmotiv bleiben.

horizont
Mittiger Horizont

 

Tipp: stelle deine Kamera korrekt ein – Gitterlinien anzeigen

Ich habe dir oben bereits Screenshots eines bekannten Bildbearbeitungsprogramms aus dem Hause Adobe gezeigt. Dort kannst du beim Zuschneiden deiner Bilder verschiedene Gitternetzlinien anzeigen lassen: Entweder schneidest du freischnauze zu oder du lässt dir ein Gitter anzeigen. Oder du wählst den Goldenen Schnitt bzw. alternativ die Drittelregel. Das schöne an der Drittelregel ist, dass die meisten Kameras heutzutage bereits die Option besitzen dieses Raster direkt im Kameradisplay anzeigen zu lassen. Und dafür wiederum liebe ich meine Kamera: sie hat einen elektronischen Sucher. Dieser gibt quasi das Bild des Displays 1:1 wieder. Somit sehe ich bereits beim Blick durch den Sucher das Raster! Auch wenn das deine Kamera vielleicht nicht beherrscht – stelle dir trotzdem das Raster wenigstens auf dem Display ein! So ersparst du dir viel Nachbearbeitung aber vor allem stellst du so sicher, dass dein Bildausschnitt (ungefähr) passt. Dann läufst du nicht Gefahr bei einem Zuschneiden am PC zu viele Bildinformationen in den Randbereichen des Bildes zu verlieren. Außerdem ist das Raster ein hervorragendes Hilfsmittel für gerade Bilder. Positioniere doch einfach mal den Horizont, Gebäudekanten oder Brücken an einem der beiden horizontalen Linien!

 

Fazit – die Drittelregel ist ein wesentliches Element der Bildgestaltung

Wie du nun gesehen hast, hilft dir die Drittel-Regel bei der Gestaltung interessanter, aber zugleich harmonischer Bildwirkungen. Ohne dass dein Motiv den Anschein macht jeden Moment ‘aus dem Bild zu fallen’ erzeugst du Spannung beim Betrachter. Die laut Lehre noch harmonischere, dafür aber kompliziertere Technik des Goldenen Schnitts, braucht es in der Regel nicht. Greife lieber auf die einfach zu verstehende, erklärende und umzusetzende Drittelregel zurück. Verstehe die Regel als Regel! Ausnahmen hiervon sind natürlich zu besonderen gestalterischen Zwecken immer möglich und hin und wieder als Abwechslung für den Betrachter auch sogar erwünscht! Sinnvoller Weise solltest du an deiner Kamera ein Linienraster voreinstellen. So vergisst du während der Reise nicht diesen Bildaufbau auch umzusetzen. Gleichzeitig hilft dir das Raster aber auch beim Geradeausrichten deiner Fotos!

Übrigens: Hattest du dich eigentlich je gefragt, warum noch im teuersten Hollywood-Streifen solche Stümper von Kameramänner drehen dürfen, die es nicht mal schaffen die Schauspielerin genau mittig im Bild zu positionieren? Pustekuchen! Auch in Filmen kommt die Drittelregel zum Einsatz! Mittig wirkt auch auf der Großleinwand häufig nur langweilig.

Das soll es für heute gewesen sein. Weitere Tipps zum Bildaufbau werde ich immer mal wieder einstreuen. Bis denn, Mario

 

Mario

Mario lebt den klassischen und oft verachteten ‘9 to 5 job’. Davon überzeugt, dass das Leben aber viel mehr Freiräume bieten kann, als in der Kantine zwischen Gulasch und Rouladen zu wählen, hat er sich 2015 einen Camper zugelegt. Allzeit abfahrbereit wartet dieser nur darauf nach stressigen Wochen neue Abenteuer zu erleben.

16 Gedanken zu „Mehr Guck für deine Bilder – die Drittelregel

  • 7. Februar 2016 um 12:04
    Permalink

    Sehr gut und einleuchtend geschrieben, lieber Mario! Mit der Bildgestaltung beschäftige ich mich auch immer wieder. Was ich gelernt habe ist, dass man nicht versuchen sollte, alles auf ein Foto bekommen zu wollen und stattdessen lieber mehrere Bilder aufnehme. Lieber auf ein Detail oder eine Stimmung oder ähnliches fokussieren, ansonsten, wenn zu viele spannende Dinge auf ein Bild gequetscht wurden, ist auf einmal nichts mehr spannend und wirkt überladen. Auch das kann durchaus ein Stil sein aber für mich verlieren Bilder dadurch viel.

    Antwort
    • 7. Februar 2016 um 13:10
      Permalink

      Hallo Vimala,
      da hast du ganz Recht! Man muss sich tatsächlich ‘fokussieren’. Das gelingt mir leider selbst noch nicht immer so richtig. So kämpfe auch ich hin und wieder noch damit zu viel auf dem Bild zu haben. Aber das gute ist doch, wenn man weiß woran man arbeiten kann! 😉
      Viele Grüße,
      Mario

      Antwort
  • 7. Februar 2016 um 13:10
    Permalink

    Jaja, die gute alte Drittel-Regel.^^ Wobei ich generell eher zu einem Mittelding aus Goldener Schnitt und Dritteln tendiere. Als ich mit dem Fotografieren angefangen hat, hat mir die Drittel-Regel aber wirklich die Augen geöffnet. Gebe das an jeden “Neuling” weiter, der mit mir fotografieren geht. Kleiner Trick, große Wirkung. 😀

    Antwort
    • 7. Februar 2016 um 13:20
      Permalink

      Ganz genau so ist es doch: so einfach, und doch so effektiv! 😉
      Viele Grüße,
      Mario

      Antwort
  • 7. Februar 2016 um 14:19
    Permalink

    Dankeschön für deine Ausführungen ! Die Drittel-Regel kannte ich bisher noch nicht, habe die Bilder immer nach Gefühl gemacht. Werde in Zukunft aber darauf achten 🙂

    Antwort
    • 7. Februar 2016 um 14:24
      Permalink

      Ha, sehr schön! Du wirst erstaunt sein, was das ausmacht! Weiterhin viel Spaß & Erfolg beim Fotografieren. 😉
      Gruß,
      Mario

      Antwort
  • 10. Februar 2016 um 20:34
    Permalink

    Ich mache meine Fotos wie sie mir grad vor die Linse kommen. Das Resultat muss dann einfach genügen!

    Antwort
    • 10. Februar 2016 um 21:31
      Permalink

      Auch eine Einstellung 😀 Hervorragend! Vielen Dank für den gewohnt geistreichen Beitrag in die Schweiz! 😉
      Mario

      Antwort
        • 11. Februar 2016 um 17:18
          Permalink

          Nein, Humor! 😉 Im Ernst: Danke für deinen Beitrag. Ich lese gerne, was du zu sagen hast. Grüße!

          Antwort
  • 25. Februar 2016 um 7:06
    Permalink

    Ganz starker Beitrag mit anschaulichen Beispielen. Danke. Lg Cornelia

    Antwort
    • 25. Februar 2016 um 17:20
      Permalink

      Vielen Dank, liebe Cornelia! Das hatte ich vor, es anschaulich zu machen. Freut mich zu hören, wenn es gelungen ist. 🙂
      Viele Grüße,
      Mario

      Antwort
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